General-Lockdown ist eine politische Fehlentscheidung

Thomas Lipp, Chef des Sächsischen Hartmannbundes, fordert ein Umdenken in der Corona-Krise. Dass Hausärzte jetzt impfen dürfen, sei längst überfällig


Leipzig. Der Leipziger Arzt Dr. Thomas Lipp hält wenig von Lockdown-Maßnahmen. Er fordert ein Umdenken bei der Bewältigung des Corona-Problems.


Herr Dr. Lipp, die Hausärzte sollen ab dem 1. April gegen Corona impfen dürfen. Gute Idee oder doch nur zweitbester Vorschlag?

Weder noch. Das ist eine Grundforderung seit Monaten von Berufenen, die die Erfahrung haben, jedes Jahr 20 Millionen Menschen gegen Grippe zu impfen. Das ist keine gute Idee, sondern das einzig richtige Vorgehen. Voraussetzung ist: Es muss genügend Impfstoff vorhanden sein und die Priorisierungdefinition muss klar und transparent sein, um unnötige Verteilungsdebatten aus den Sprechzimmern fernzuhalten.


Sie kritisieren das Impfmanagement in Deutschland. Wer ist denn Ihrer Meinung nach schuld?

Die Politik. Ich habe das Gefühl, dass alles, was zur Entlastung individueller Bedrängnis geeignet ist, systematisch weggedrückt wird, damit die Gesellschaft in einer Art ständigem Alarms ist. Um von einem Lockdown in den nächsten zu fallen. Das ist aber keine Lösung, Wir haben schließlich noch ganz andere Probleme mit Covid.


Welche meinen Sie?

Ich fürchte mich – ehrlich gesagt – vor dem Post-Covid und Long-Covid-Syndrom. Weil Covid eine Erkrankung ist, die offenbar über das Gerinnungssystem die Organe schädigt. Da drohen Folgen, die wir jetzt noch gar nicht auf dem Schirm haben. Deshalb vor allem ist – für mich – Corona eine so kritische Erkrankung.


Wie sehen die Symptome dafür aus?

Beispielsweise, dass Patienten monatelang Schwierigkeiten haben, zwei Etagen zu schaffen. Da wird die Luft knapp, sie schmecken und oder riechen nichts. Dazu kommen jene, denen es nach dem Verlauf der Erkrankung nach einiger Zeit wieder schlechter geht.


Wie könnte solchen Patienten am besten geholfen werden?

Die primären Anlaufstellen sind Hausärzte , die könnten das diagnostizieren. Es gibt beispielsweise Laborwerte, die ganz klar zeigen, ob Herz oder Niere betroffen sind. Das Ganze würde 68 Euro kosten, die Krankenkassen in Sachsen bezahlen aber nur 1,19 Euro dafür.


Sie sind doch Chef des Sächsischen Hartmannbundes – haben Sie darüber mal mit den Krankenkassen geredet?

Ich habe die Kassenärztliche Bundesvereinigung und die Krankenkassen aufgefordert, diese Patienten aus den Budgets herauszurechnen. Das passiert aber nicht. Die Krankenkassen stellen sich stur. Budget sei Budget. Für solche Untersuchungen müsste folglich bei den anderen Patienten und anderen Ärzten gekürzt werden. Ergo wird diese feingranulare Diagnostik nicht stattfinden. Lieber wartet man, bis es den Leuten schlechter geht. Die Behandlung der Langzeitfolgen ist dann viel teurer.


Wie bekommt man das Impfmanagement schneller und besser hin?

Was bei dieser Problematik völlig außer acht gelassen wird, ist das Thema Antikörper. Wir sagen heute aus wissenschaftlichen Gründen: Wer Covid hatte – ob bewusst oder unbewusst – und Antikörper entwickelt hat, der braucht in den kommenden acht Monaten nicht geimpft werden. Denn wer Antikörper hat, der wird nicht oder zumindest weniger krank. Und er streut das Virus auch weniger.


Wie sähe das denn praktisch aus?

In Leipzig beispielsweise werden in der Biocity jeden Tag hunderte von Menschen mit Antikörpern ermittelt. Mein Vorschlag zur Grundlagenforschung war, diese über acht Quartale hinweg beobachten. Dann wird man feststellen: Wer Antikörper hat, hat auch über einen bestimmten Zeitraum hinweg einen Schutz vor Corona. Der kann raus. Da passiert nichts mehr. Ich halte den General-Lockdown für eine politische Fehlentscheidung.


Wie viele Menschen betrifft das denn?

Gerechnet wird inklusive Dunkelziffer mit etwa 15 bis 17 Millionen Menschen in Deutschland, die Covid hatten. Könnte man die herausfiltern, brauchte man sie nicht zu impfen und hätte damit mehr Impfstoff für die anderen.


Wieso stellen diese Menschen eine kleinere Gefahr dar?

Wenn ein Immunsystem angegriffen wird, beginnt es, die Viren zu vernichten und damit die Virenlast zu senken. Sinkt aber die Virenlast, geht auch das Risiko andere anzustecken, zurück. Kurz: Das Vorhandensein von Antikörpern kann ein objektiver Grund sein, Menschen mehr Freiheit zu geben.

Die gleiche Diskussion hatten wir schon mal um die Geimpften.

Dass man Geimpften keine Privilegien geben kann, solange nicht alle die gleiche Chance hatten geimpft zu werden, verstehe ich. Aber durchgemachte Erkrankungen und damit die Bildung von Antikörpern sind etwas Schicksalhaftes. Wer sie hatte, muss nicht isoliert werden.


Würden Sie sich soweit aus dem Fenster lehnen, für diese Menschen die Ausgangssperren oder den 15-Kilometer-Radius dort, wo so etwas existiert, aufzuheben?

Da gibt es dutzende verschiedene Meinungen. Meine lautet: Eigentlich, ja. Denn sie spielen ja epidemiologisch keine Rolle mehr.


Spaltet das die Gesellschaft dann nicht noch mehr? Und sind dann überhaupt Kontrollen vorstellbar?

Jeder kann sich seine Antikörper bestimmen lassen. Und dann gäbe es abgestuft die Möglichkeit, wieder am normalen Zivilleben teilzunehmen. Das sind ja keine Sonderrechte für Bürger, sie dürfen schlicht ihre normalen Rechte wieder wahrnehmen.


Machen wir es doch mal konkret.
Max Mütze hatte das Virus bereits und sitzt nun auf der Decke im Park und feiert mit Freunden Party. (Wärmere Temperaturen immer vorausgesetzt). Der Eindruck für Außenstehende wäre doch fatal!?

Erstens: Natürlich wäre ein Nachweis der Antikörper zwingend. Zweitens: Da wir noch immer nicht präzise wissen, ob ein Geimpfter oder Antikörper positiv getesteter Patient nicht mehr infektiös ist, sollten Regeln wie Mindestabstand oder das Tragen eines Mund-Nasen-Schutzes (in Räumen) schon noch eingehalten werden. Ich selbst glaube, dass die Bevölkerung bei einer solch klaren Aussicht auch Verständnis hätte. Es gibt ja auch keinen Riss in der Gesellschaft zwischen den Tumor-Erkrankten und den Tumor-Nichterkrankten. Es ist schicksalhaft.


Von Roland Herold

Das ausführliche Interview

können Sie online lesen unter:
www.lvz.de


Quellenangabe: Leipziger Volkszeitung vom 20.02.2021, Seite 6